KI-Plattform HAIDI zur Infektionsfrüherkennung in Graz eingeführt
Das Krankenhaus der Elisabethinen in Graz integriert die KI-gestützte Plattform HAIDI in sein Qualitätsmanagement. Ab Herbst 2026 soll die Technologie die Surveillance von Krankenhausinfektionen unterstützen, um Patientensicherheit und Effizienz zu erhöhen. Die Lösung ist in bestehende interdisziplinäre Strukturen eingebettet.
Das Krankenhaus der Elisabethinen in Graz hat einen strategischen Schritt zur digitalen Transformation seiner Sicherheitsstandards unternommen. Mit der geplanten Einführung der KI-gestützten Plattform HAIDI wird die Überwachung nosokomialer Infektionen ab Herbst 2026 systematisch unterstützt. Ziel dieser Maßnahme ist eine präzisere, schnellere und effizientere Identifizierung von Krankenhausinfektionen, die zu den zentralen Herausforderungen der Patientensicherheit zählen.
Nosokomiale Infektionen stellen europaweit ein erhebliches Problem dar. Trotz bestehender Hygienestandards treten jährlich rund 8,9 Millionen Fälle in Krankenhäusern und Langzeitpflegeeinrichtungen auf. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, setzt das Grazaner Krankenhaus auf eine Kombination aus etablierten interdisziplinären Strukturen und neuer Technologie. HAIDI ist dabei kein isoliertes Tool, sondern fest in ein Qualitätsmanagementsystem eingebettet, das auf der Zusammenarbeit von klinischen Pharmazeut:innen, Pflegepersonal, dem Hygieneteam und der Ärzteschaft basiert.
Die Plattform, entwickelt vom tschechischen Unternehmen Datlowe, ermöglicht die tagesaktuelle Auswertung großer klinischer Datenmengen. Sie verarbeitet nicht nur strukturierte Informationen aus Labordaten, Medikationsplänen und Vitalparametern, sondern nutzt auch Natural Language Processing (NLP), um relevante Informationen aus Freitexten zu extrahieren. Dazu gehören Pflege- und Arztberichte, Entlassungsbriefe sowie Dokumente über Voraufenthalte oder Behandlungen in anderen Einrichtungen. Diese Daten, deren manuelle Auswertung erhebliche Zeit- und Personalressourcen binden würde, werden so strukturiert für die Surveillance nutzbar gemacht.
Auf Basis international etablierter Kriterien identifiziert HAIDI potenzielle Infektionsfälle und berücksichtigt dabei auch klinische Hinweise, die keinen mikrobiologischen Nachweis erfordern. Diese Echtzeit-Identifikation ermöglicht eine frühzeitige fachliche Bewertung durch das Behandlungsteam. Derzeit wird die Plattform im Krankenhaus der Elisabethinen implementiert und mit lokalen Daten trainiert. Entsprechend den Vorgaben des hausinternen Antimicrobial-Stewardship (AMS)-Teams, dem auch eine klinische Pharmazeutin angehört, wurde die Systemkonfiguration an die spezifischen Anforderungen des Hauses angepasst. Grundlage hierfür war ein strukturierter Fragenkatalog.
Die Einführung von HAIDI knüpft an eine seit Jahren etablierte interdisziplinäre Versorgungsstruktur im Haus an. Klinisch-pharmazeutische Expertise steht allen internen Abteilungen und der Schmerzmedizin bedarfsorientiert zur Verfügung. In spezialisierten Bereichen wie der Schmerztherapie, Palliativmedizin, Gerontopsychiatrie, Neurologie sowie der Akutgeriatrie sind klinische Pharmazeut:innen mit Zusatzqualifikationen regelmäßig direkt auf den Stationen eingebunden und nehmen an Betten- und Kurvenvisiten teil. Ergänzend bildet das AMS eine abteilungs- und stationsübergreifende Struktur der klinisch-pharmazeutischen Betreuung.
Mit HAIDI soll diese Betreuung künftig gezielter auf Patient:innen und klinische Situationen mit Bedarf für eine vertiefte fachliche Beurteilung ausgerichtet werden können. Dieser Ansatz entspricht den aktuellen Empfehlungen der Österreichischen Fachgesellschaft für Qualität und Sicherheit im Gesundheitswesen (ASQS) zur Arzneimitteltherapiesicherheit, die den patientenbezogenen Zugang von Ärzt:innen zu klinisch-pharmazeutischer Expertise vorsehen. HAIDI ergänzt diese etablierten interprofessionellen Prozesse um eine zusätzliche Datenbasis; die fachliche Bewertung und Ableitung von Maßnahmen bleiben jedoch Aufgabe des Behandlungsteams.
Der Qualitätsstandard „Antiinfektiva-Anwendung in Krankenanstalten“, der 2024 veröffentlicht wurde, definiert einen österreichweiten Rahmen für die rationale und sichere Anwendung von Antiinfektiva. Das Krankenhaus der Elisabethinen erfüllt die zentralen Anforderungen im Rahmen des AMS. Die langjährige Teilnahme an der Antibiotika-Verbrauchs-Surveillance (AVS) des Robert Koch-Instituts in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin ermöglicht durch die monatliche Übermittlung hausinterner Verbrauchsdaten eine kontinuierliche Bewertung des Antibiotikaeinsatzes im Vergleich mit Referenzdaten strukturell vergleichbarer Krankenhäuser.
Ergebnisse der Infektionssurveillance werden bereits heute in regelmäßigen interdisziplinären AMS-Teamsitzungen bewertet und in konkrete Maßnahmen überführt. HAIDI wird diese Prozesse ergänzend um strukturierte und zielgerichtete Auswertungen erweitern. Die Technologie übernimmt das zeitaufwendige Screening umfangreicher Patient:innendokumentationen und macht relevante Entwicklungen frühzeitig sichtbar. So bleibt mehr Zeit für die fachliche Einordnung im Team und vor allem für professionelle Medizin auf höchstem fachlichem Niveau sowie eine individuelle, persönliche Betreuung der Patient:innen.
Mag. Pharm. Christine Fegerl-Stadlober, Leiterin der Apotheke im Krankenhaus der Elisabethinen Graz, betont die Bedeutung dieser Vernetzung. Die Plattform ist Teil eines gemeinsamen klinischen Arbeitsansatzes, der digitale Effizienz mit menschlicher Expertise verbindet.
G.Werner--NRZ