Neue Rheinische Zeitung - Stichwahl um Präsidentenamt in Kolumbien begonnen - Enges Rennen erwartet

Köln -
Stichwahl um Präsidentenamt in Kolumbien begonnen - Enges Rennen erwartet
Stichwahl um Präsidentenamt in Kolumbien begonnen - Enges Rennen erwartet / Foto: © AFP

Stichwahl um Präsidentenamt in Kolumbien begonnen - Enges Rennen erwartet

Duell in Kolumbien zwischen einem linksgerichteten Verfechter der Menschenrechte und einem ultrarechten Hardliner mit Rückendeckung aus Washington: Die extrem gegensätzlichen Kandidaten Iván Cepeda und Abelardo de la Espriella haben am Sonntag in einer Stichwahl um das Präsidentenamt in dem südamerikanischen Land gerungen. Die Umfragen sagten ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem linksgerichteten Senator und dem rechtsgerichteten Rechtsanwalt voraus.

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Der politische Neuling De la Espriella war in der ersten Wahlrunde vor drei Wochen mit 44 Prozent überraschend auf dem ersten Platz gelandet. Cepeda kam auf 41 Prozent. Die Wahllokale sollten am Sonntag um 16.00 Uhr Ortszeit (23.00 MESZ) schließen. Mit den ersten offiziellen Ergebnissen wurde in den Stunden danach gerechnet. Rund 41 Millionen Bürgerinnen und Bürger waren zu dem Urnengang aufgerufen. Die Wahl fand inmitten der schlimmsten Gewaltwelle in Kolumbien seit einem Jahrzehnt statt.

Bei der Wahl stand eine Richtungsentscheidung für das südamerikanische Land an. Der 63-jährige Cepeda ist ein Verbündeter des scheidenden Präsidenten Gustavo Petro und will an dessen Kurs des Dialogs mit bewaffneten Gruppen und dessen Sozialpolitik zugunsten armer Bevölkerungsschichten anknüpfen. Der 47-jährige De la Espriella, der die Rückendeckung von US-Präsident Donald Trump hat, will hingegen Aufständische mit militärischer Gewalt bekämpfen und setzt in der Wirtschaftspolitik auf Deregulierungen.

Zehn Jahre nach dem historischen Friedensschluss zwischen der Regierung und der vormals mächtigen Guerillaorganisation Farc sind in Kolumbien weiterhin viele bewaffnete Gruppen aktiv. Das Spektrum reicht von Abspaltungen der früheren Farc über rechte paramilitärische Gruppierungen bis hin zu Drogenbanden.

Petro hatte sich in seiner auslaufenden vierjährigen Amtszeit durch Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen um eine weitere Befriedung des seit Jahrzehnten unter bewaffneten Konflikten leidenden Landes bemüht. Doch gelang ihm kein größeres weiteres Friedensabkommen.

Stattdessen wurde auch der Wahlkampf von heftiger Gewalt überschattet. So wurden mehrere Anschläge mit Autobomben und Drohnen verübt. Im Juni 2025 wurde der rechtsgerichtete Präsidentschaftskandidat Miguel Uribe ermordet. Auch zahlreiche Gemeindevorsteher und Zivilisten wurden getötet.

Kurz vor der Stichwahl gelang den Sicherheitskräften aber ein Schlag gegen die Guerillagruppe EMC, eine Abspaltung der früheren Farc. Der zweite Mann an der EMC-Spitze, bekannt unter dem Kampfnamen "Marlon", wurde getötet, wie Petro am Samstag in Onlinedienst X mitteilte.

"Marlon" sei "im Kampf gefallen", erklärte der Staatschef. Dieser sei einer der "gefährlichsten Mörder, Terroristen und Anwerber von Minderjährigen im Südwesten des Landes" gewesen, fügte Verteidigungsminister Pedro Sánchez hinzu. "Marlon" war der Stellvertreter von EMC-Chef Iván Mordisco, dem meistgesuchten Kriminellen Kolumbiens.

Petro, selbst ein früherer Guerillero, ist der erste linksgerichtete Staatschef in der Geschichte Kolumbiens. Er durfte nicht erneut kandidieren, da die kolumbianische Verfassung zwei direkt aufeinanderfolgende Amtszeiten nicht erlaubt. Während Petros vierjähriger Amtszeit sank die Arbeitslosigkeit, und der Mindestlohn stieg um 75 Prozent.

Kritiker machten Petro und seine Regierung allerdings für die zunehmende Gewalt verantwortlich. Die Gewaltwelle belastete denn auch die Kampagne seines Parteikollegen Cepeda - das Thema der inneren Sicherheit war im Wahlkampf dominant. Der Menschenrechtsanwalt und Philosoph Cepeda war einer der Architekten von Petros Kurs des "totalen Friedens" gewesen, die auf Dialog mit allen bewaffneten Gruppen setzte.

Der politisch unerfahrene Rechtsanwalt De la Espriella lehnt dagegen Petros Versöhnungspolitik ab. Im Wahlkampf kündigte er ein unerbittliches Vorgehen gegen bewaffnete Gruppen an. Der Rechtsaußenkandidat, der sich selbst "Der Tiger" nennt, will ins Drogengeschäft verwickelte Guerillagruppen unter anderem auch mit Luftangriffen bekämpfen.

In einem Interview der Nachrichtenagentur AFP sagte De la Espriella, er werde das Militär eine 90-tägige Offensive mit Bombardierungen und Ausräucherung von Koka-Plantagen führen lassen. Dafür wolle er sich die Unterstützung der USA und Israels holen. Kolumbien ist der größte Kokainproduzent der Welt.

De la Espriella, der neben der kolumbianischen auch die US-Staatsbürgerschaft hat, bekam im Wahlkampf von US-Präsident Trump dessen "vollständige und totale Unterstützung" ausgesprochen. Zugleich warnte Trump vor Konsequenzen für das Verhältnis zwischen den USA und Kolumbien bei einem Sieg des "radikal-linken Marxisten" Cepeda.

Kolumbien war über viele Jahre hinweg der wichtigste Verbündete der USA in Südamerika. Seit dem Amtsantritt Petros verschlechterten sich die Beziehungen jedoch. Einer der Gründe waren die Angriffe des US-Militärs auf angebliche Drogenboote in der Karibik und im östlichen Pazifik, bei denen auch kolumbianische Staatsbürger getötet wurden. Kritiker stufen die Angriffe als außergerichtliche Hinrichtungen und völkerrechtswidrig ein.

C.Schneider--NRZ