Rechtspopulist Farage tritt bei Nachwahl in England gegen Spaßkandidaten an
Bei einer Nachwahl im Osten Englands ist der britische Rechtspopulist Nigel Farage am Donnerstag gegen eine Reihe von unabhängigen Bewerbern angetreten, unter ihnen der Spaßkandidat "Count Binface" (Graf Mülltonnengesicht). Farage gilt als klarer Favorit, Umfragen zufolge könnte er auf 70 Prozent der Stimmen kommen. "Count Binface", das Alter Ego des Komikers Jon Harvey, wurden bis zu 20 Prozent der Stimmen vorhergesagt.
Die Wahllokale in Clacton-on-Sea öffneten um 07.00 Uhr (Ortszeit, 08.00 Uhr MESZ) und schließen um 22.00 Uhr. Das Ergebnis wird am Freitagmorgen erwartet. Angesichts der Abwesenheit traditioneller Kandidaten wurde mit einer eher niedrigen Wahlbeteiligung unter den rund 80.000 registrierten Wählern des Wahlkreises gerechnet. Der Wahlzettel, auf dem insgesamt 34 Kandidaten stehen, erreichte eine Rekordlänge.
Nötig geworden war die Nachwahl wegen Farages Niederlegung seines Abgeordnetenmandats. Farage sieht sich mit Vorwürfen wegen nicht offengelegter Zuwendungen konfrontiert. Mit seinem Rücktritt ruhen die parlamentsinternen Ermittlungen gegen ihn bis nach der Nachwahl.
Farage hatte eine "Verleumdungskampagne" angeprangert und am 7. Juli seinen Rücktritt erklärt. Die Nachwahl stellte er unter das Motto "Volk gegen Establishment", die Menschen in dem Wahlkreis sollten "Richter" über seine Handlungen sein.
Farage, Vorsitzender der einwanderungskritischen Partei Reform UK, vertrat Clacton seit 2024 im Parlament. Die Partei hatte 18 Monate lang in den landesweiten Umfragen ganz vorn gelegen, bevor sie zuletzt an Beliebtheit einbüßte.
Die etablierten politischen Parteien Englands boykottieren die Wahl, die sie als PR-Gag bezeichnen. Sie werfen Farage vor, er wolle sich einer Überprüfung seiner Finanzen entziehen.
Der wichtigste Rivale des Brexit-Befürworters ist somit "Count Binface". Der selbsternannte "intergalaktische Weltraumkrieger" vom fiktiven Planeten Sigma IX, der einen Mülleimer auf dem Kopf trägt, ist seit fast einem Jahrzehnt als Spaßkandidat in der britischen Politik aktiv und steht traditionell für das Absurde.
"Es wäre überraschend, wenn Farage nicht gewinnen würde", sagte der Politikwissenschaftler John Curtice der Nachrichtenagentur AFP. Andere sind hingegen der Ansicht, Farages Wahlstrategie sei nach hinten losgegangen: "Farages Plan, diese Nachwahl in einen ernsthaften politischen Kampf zu verwandeln, ist gescheitert", erklärte Stijn van Kessel, Professor für Politikwissenschaft an der Queen Mary University of London. Das Spektakel lasse "Farage ziemlich lächerlich wirken".
I.Schulz--NRZ