Industrie stabilisiert sich - besonders Autosektor baut jedoch massiv Stellen ab
Bei den Geschäftszahlen scheint sich die deutsche Industrie derzeit zu stabilisieren, doch der Stellenabbau insbesondere in zentralen Sektoren hält an. Allein in der Automobilindustrie fielen von Juli 2025 bis Juli 2026 mehr als 42.000 Arbeitsplätze weg, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Freitag mitteilte. Auch im Maschinenbau - gemessen an der Beschäftigungszahl der größte Industriezweig - wurden viele Stellen gestrichen.
Der Rückgang der Beschäftigten war in der Autoindustrie so hoch wie in keiner anderen großen Industriebranche, wie das Statistikamt ausführte. Demnach wurden hier binnen eines Jahres 5,8 Prozent der Jobs abgebaut. Ende Juni waren noch 691.500 Menschen bei Autoherstellern und Zulieferern beschäftigt - so wenig wie seit 2005 nicht.
In der Herstellung von Metallerzeugnissen ging die Beschäftigtenzahl um 3,8 Prozent zurück auf 471.700, in der chemischen Industrie um 3,6 Prozent auf 312.000 und in der Herstellung elektrischer Ausrüstung um 3,4 Prozent auf 374.500. Im Maschinenbau sank die Zahl der Beschäftigten binnen eines Jahres um 2,7 Prozent auf 905.900.
Im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt betrug der Rückgang 2,7 Prozent - oder 144.100 auf noch 5,29 Millionen Beschäftigte. Berücksichtigt in der Statistik sind Betriebe mit 50 Beschäftigten und mehr.
Die Zahlen zeigten, "wie dramatisch die deutsche Industrie von den geopolitischen Verschiebungen betroffen ist", erklärte der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, Sebastian Dullien. "Hinter den Jobverluste stecken die aggressive Handels- und Industriepolitik der USA und Chinas sowie die durch geopolitische Spannungen und Kriege erhöhten Energiepreise."
Die Beratungsfirma EY verwies auf ein solides Umsatzwachstum der Industrie von 4,7 Prozent im zweiten Quartal, nach einem Plus von 1,7 Prozent zum Jahresbeginn. "Nach zwei Wachstumsquartalen in Folge kann man von einer Stabilisierung auf niedrigem Niveau sprechen", erklärte EY-Experte Jan Brorhilker. "Aber diese Stabilisierung ist fragil und ungleich verteilt. Einige Branchen profitieren von einer stabileren Nachfrage aus Europa, andere stehen weiter massiv unter Druck."
Bei der Beschäftigung halte der Negativtrend zudem unvermindert an und habe sich sogar verschärft. Hier "gibt es keinerlei Entwarnung - im Gegenteil", erklärte Brorhilker. "Viele Unternehmen haben ihren Restrukturierungskurs noch lange nicht abgeschlossen." Insbesondere die Autoindustrie sei das Sorgenkind.
Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer macht unter anderem die hohen Standortkosten in Deutschland dafür verantwortlich. "Wenn die Arbeitsstunde bei uns in der Autoindustrie bei 65 Euro liegt und in Ungarn bei 18 Euro, braucht sich doch niemand zu wundern, dass BMW und Mercedes nach Ungarn gehen", erklärte er. Hinzu kämen der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Fertigung und die Stärke Chinas.
Ökonom Dullien forderte mit Blick auf China "die konsequente Anwendung von Local-Content-Klauseln für europäische Produkte bei öffentlicher Beschaffung", außerdem staatliche Förderung von E-Autos und "selektive Schutzzölle für Schlüsselbranchen und gezielte Förderung von Zukunftstechnologien". Lohnkürzungen und Einschnitte bei Sozialleistungen gingen hingegen am Problem vorbei.
Der Maschinen- und Anlagenbau forderte "wirksame Reformen zur Stärkung des Standorts Deutschland". Die Aussichten in der Branche hätten sich zwar zuletzt leicht aufgehellt, "viele Unternehmen befinden sich jedoch weiterhin in einer Unterauslastung - und dies schon seit geraumer Zeit", erklärte der Branchenverband VDMA.
L.Koch--NRZ